Wenn aus Kolleginnen und Kollegen Mitarbeitende werden: Erwartungen als neue Führungsperson klären
- Lotte Elderhorst

- 18. Juni
- 5 Min. Lesezeit
Sie wurden intern befördert. Gestern waren Sie noch Kollegin oder Kollege, heute tragen Sie Führungsverantwortung. Sie kennen das Team, die Aufgaben, die Abläufe und die Dynamiken. Das kann Ihnen Sicherheit geben. Gleichzeitig liegt darin eine der grössten Herausforderungen. Denn alle meinen, einander bereits zu kennen. Und trotzdem hat sich etwas Grundlegendes verändert: Ihre Funktion ist neu. Die Erwartungen an Sie sind neu. Und auch Ihre eigenen Erwartungen an das Team verändern sich.
Gerade beim internen Wechsel von der Mitarbeitendenrolle in die Führungsrolle entstehen viele Missverständnisse nicht, weil Menschen schwierig sind. Sondern weil Erwartungen nicht ausgesprochen werden.

Erwartungen als neue Führungsperson klären
Warum Erwartungen gerade nach einer internen Beförderung so wichtig sind
Wenn eine neue Führungsperson von aussen kommt, ist allen klar: Jetzt beginnt etwas Neues. Man stellt Fragen, erklärt Abläufe, klärt Zuständigkeiten und spricht darüber, wie Zusammenarbeit gelingen soll. Bei einer internen Beförderung ist das anders. Vieles wirkt vertraut. Man kennt sich. Man hat bereits zusammengearbeitet, vielleicht sogar auf Augenhöhe im selben Team. Genau deshalb werden Erwartungen oft vorausgesetzt, statt geklärt.
Das Team fragt sich vielleicht:
Bleibt sie noch eine von uns?
Wird er jetzt alles anders machen?
Kann ich weiterhin offen sprechen?
Wie entscheidet sie künftig?
Wie geht er mit Nähe und Distanz um?
Und Sie selbst fragen sich vielleicht:
Wie viel Kollegialität ist noch passend?
Wo muss ich klare Grenzen setzen?
Was darf ich delegieren?
Wie gehe ich mit ehemaligen Kolleginnen und Kollegen um?
Was erwartet meine eigene Führungsperson jetzt konkret von mir?
Erwartungen sind da, auch wenn niemand darüber spricht
Jeder Mensch bringt Erwartungen in die Zusammenarbeit mit. Mitarbeitende haben Erwartungen an ihre Führungsperson. Führungskräfte haben Erwartungen an ihr Team. Und auch die eigene Vorgesetzte oder der eigene Vorgesetzte hat Erwartungen an die neue Führungsrolle.
Bleiben all diese Erwartungen unausgesprochen, dann werden Situationen interpretiert. Menschen treffen Annahmen und kleine Irritationen werden grösser. Ein Mitarbeitender wartet auf eine Entscheidung, die Sie bewusst delegieren wollten. Eine andere Person wünscht sich mehr Austausch, während jemand anderes möglichst selbstständig arbeiten möchte. Sie geben zwar Ihr Bestes, doch trotzdem entsteht das Gefühl, es irgendwie niemandem ganz recht zu machen.
Genau deshalb gehört die Erwartungsklärung zu den wichtigsten Aufgaben beim Start in eine neue Führungsposition.
Von Kolleg:in zur Führungsperson
Was sich wirklich verändert
Der interne Rollenwechsel ist anspruchsvoll, weil sich nicht nur Ihre Aufgaben verändern, sondern auch die Beziehung zum Team. Sie bleiben dieselbe Person, doch Sie haben eine andere Verantwortung. Vielleicht kennen Sie private Geschichten aus dem Team. Vielleicht waren Sie Teil informeller Gespräche. Vielleicht haben Sie früher gemeinsam über Entscheidungen der Führung diskutiert. Nun sind Sie selbst Teil des Führungskreises in Ihrer Organisation. Das braucht Klarheit. Nicht Härte, schon gar keine Distanz um jeden Preis. Aber ein bewusstes Verständnis dafür, was sich verändert hat.
Als Führungsperson müssen Sie Orientierung geben, Entscheidungen treffen, Prioritäten setzen, Feedback geben, Leistung einfordern und Konflikte ansprechen. Gleichzeitig möchten Sie Vertrauen erhalten und menschlich nahbar bleiben. All das gelingt besser, wenn Sie offen darüber sprechen, wie Sie Ihre neue Rolle verstehen und was Ihr Team von Ihnen erwarten kann.
Das Gespräch mit dem Team
Wie möchten wir zusammenarbeiten?
Viele neue Führungskräfte konzentrieren sich zunächst auf Prozesse, Aufgaben und Ziele. Das ist wichtig. Mindestens genauso wichtig ist jedoch eine andere Frage: Wie möchten wir künftig zusammenarbeiten?
Nehmen Sie sich frühzeitig Zeit für Einzelgespräche mit Ihren Mitarbeitenden. Gerade wenn Sie vorher Teil des Teams waren, sind diese Gespräche besonders wertvoll. Sie schaffen Raum, um Rollen, Erwartungen und mögliche Unsicherheiten offen anzusprechen.
Hilfreiche Fragen für diese Gespräche sind:
Was erwartest du von mir als Führungsperson?
Was brauchst du von mir, um motiviert, leistungsfähig und gesund arbeiten zu können?
Welche Art von Kommunikation unterstützt dich?
Was lief in der Zusammenarbeit bisher gut?
Was wünschst du dir künftig anders?
Wo wünschst du dir klare Entscheidungen?
Wo möchtest du mehr Freiraum und Eigenverantwortung?
Wichtig ist dabei nicht, jede Erwartung sofort erfüllen zu müssen. Wichtig ist, sie zu kennen. Erst dann können Sie einordnen, erklären, priorisieren oder gemeinsam Vereinbarungen treffen.
Auch die eigenen Erwartungen klar benennen
Erwartungsklärung ist niemals eine Einbahnstrasse. Es geht nicht nur darum, zu hören, was das Team von Ihnen braucht. Es geht auch darum, Ihre eigenen Erwartungen transparent zu machen.
Fragen Sie sich vor den Gesprächen:
Was ist mir in der Zusammenarbeit besonders wichtig?
Welche Haltung möchte ich als Führungsperson einnehmen?
Welche Erwartungen habe ich an Verantwortung, Kommunikation und Verbindlichkeit?
Wie möchte ich mit Fehlern, Konflikten und Feedback umgehen?
Wo sehe ich mögliche Spannungsfelder durch meine neue Rolle?
Gerade intern beförderte Führungspersonen halten sich am Anfang oft zurück. Sie möchten nicht autoritär wirken, niemanden vor den Kopf stossen und die Beziehung zu früheren Kolleginnen und Kollegen nicht belasten. Das ist verständlich. Doch zu wenig Klarheit kann später viel mehr Reibung erzeugen als ein frühes, respektvolles Gespräch, welches die Basis für Fairness ist.
Und die Erwartungen nach oben klären
Neue Führungskräfte richten ihre Aufmerksamkeit oftmals ausschliesslich auf ihr Team. Dabei gibt es noch eine zweite, bedeutungsvolle Erwartungsebene: die eigene Führungsperson.
Gerade beim Start in eine neue Rolle lohnt es sich, Erwartungen nach oben bewusst zu klären. Denn auch hier können unausgesprochene Annahmen zu Unsicherheit führen.
Besprechen Sie zum Beispiel:
Was wird konkret von mir erwartet?
Wie wird gute Führung in unserem Unternehmen verstanden?
Welche Ziele haben Priorität?
Wo habe ich Entscheidungsspielraum?
Bei welchen Themen wird Abstimmung erwartet?
Welche Informationen soll ich proaktiv weitergeben?
Wie häufig und in welcher Form sollen wir uns austauschen?
Welche Themen sollte ich frühzeitig ansprechen?
Je klarer diese Fragen beantwortet sind, desto sicherer können Sie Ihre Rolle ausfüllen. Sie wissen, wo Sie selbst entscheiden können, wo Rücksprache sinnvoll ist und woran Ihre Führungsleistung gemessen wird.
Erwartungen als neue Führungsperson klären
Nach dem Gespräch beginnt die eigentliche Führungsarbeit
Ein Erwartungsgespräch ist kein einmaliger Akt, nach dem alles geklärt ist. Es ist ein Startpunkt.
Nehmen Sie sich nach jedem Gespräch Zeit für die eigene Reflexion:
Was hat mich überrascht?
Wo stimmen unsere Erwartungen überein?
Wo gibt es Unterschiede?
Welche konkreten Vereinbarungen haben wir getroffen?
Welche Themen sollte ich im Blick behalten?
Welche Massnahmen leite ich daraus ab?
Besonders hilfreich ist ein kurzer Rückblick nach etwa drei Monaten. Dann können Sie gemeinsam prüfen, ob die besprochenen Erwartungen im Alltag tatsächlich gelebt werden.
Fragen Sie zum Beispiel:
Was funktioniert bereits gut?
Wo braucht es mehr Klarheit?
Welche Erwartungen haben sich verändert?
Was sollten wir anpassen?
So wird Erwartungsklärung nicht zu einem Pflichttermin, sondern zu einem Führungsinstrument, das Vertrauen und Zusammenarbeit stärkt.
Gute Führung beginnt mit Klarheit
Führung bedeutet nicht, Gedanken lesen zu können. Viel eher bedeutet Führung, die richtigen Gespräche zu führen. Wer Erwartungen offen anspricht, schafft Orientierung. Wer Orientierung schafft, stärkt Vertrauen. Und Vertrauen ist die Grundlage für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Gerade nach einer internen Beförderung kann ein bewusst geführtes Erwartungsgespräch vieles verändern. Es hilft, alte Rollenbilder loszulassen, neue Verantwortung anzunehmen und die Zusammenarbeit auf eine klare Basis zu stellen. Natürlich wird dadurch nicht sofort alles einfacher, aber vieles wird besprechbar. Und das ist der kleine feine Unterschied.
Reflexionsfrage für Ihren Führungsalltag
Nehmen Sie sich einen Moment Zeit und fragen Sie sich: Welche Erwartungen in meinem Team wurden bisher noch nicht ausgesprochen?
Vielleicht ist genau diese Frage der Ausgangspunkt für Ihr nächstes wichtiges Gespräch. Denn wenn aus Kolleginnen und Kollegen Mitarbeitende werden, ist es essenziell, die Erwartungen als neue Führungsperson zu klären.
Möchten Sie sicher in Ihre neue Führungsfunktion starten?
Wenn Sie intern befördert wurden und nun vor der Herausforderung stehen, Ihre neue Rolle zu finden, begleite ich Sie gerne dabei. Im Leadership Coaching für neue Führungskräfte klären wir gemeinsam Ihre Rolle, Ihre Erwartungen und Ihren Führungsstil. Damit Sie nicht nur funktionieren, sondern bewusst, klar und wirksam führen.
In einem unverbindlichen Erstgespräch schauen wir auf Ihre aktuelle Situation und darauf, welche nächsten Schritte für Sie sinnvoll sind.
Hallo, ich bin Lotte Elderhorst
Business Coach & HR Interim Managerin mit einer Leidenschaft für Talententwicklung.
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